Juli 2018

Immer wenn WM ist, tollt jeder im Ausnahmezustand herum. Naja, fast immer. Irgendwie ist die große Euphorie dieses Mal nicht ganz so dabei. Fanfeste spärlich besucht, immer wieder fragt wer, wann denn diese oder jene Mannschaft spielt bzw. wer überhaupt dabei ist (was ist eigentlich mit Holland?). Dabei marschiert die Mannschaft doch jetzt mit vier Sternen auf der Brust ins Turnier.Man hat das Gefühl, als wären viele einfach unzufrieden und freuen sich weniger über solche Dinge. Die letzten 2-3 Jahre brannte weltweit vielleicht doch etwas zu sehr der Baum und die Leute können nicht umschalten. Nun hat unser Haufen auch noch das erste Spiel verloren und schon wird der Niedergang des Abendlandes prognostiziert.
Aber wie es auch immer weitergeht, ich bin gespannt, was der Bundestag während der bisschen Fussi-Euphorie durchwinkt. Zeitgleich mit der WM 2006 wurde ganz leise im Sommermärchen mal eben die Mehrwertsteuer von 16% auf 19% erhöht, bei der WM 2010 durfte heimlich der Beitragssatz der Krankenkassen ordentlich nach oben geschraubt werden, 2012 wurde von gerade mal 28 anwesenden Abgeordneten (der Rest hing an der Glotze) während des EM-Halbfinales in unter einer Minute das extrem umstrittene neue Meldegesetz durchgewunken und 2014 wurde flott bei der WM eine ordentliche Diätenerhöhung abgehakt. Man könnte meinen, der Bundestag glaubt, die Nation liegt 4 Wochen fußball- und biertrunken in der Ecke und checkt nix. Wobei, ist ja auch irgendwie so. Und die Presse berichtet auch lieber von Ronaldos aktuellen Mätzchen. Mal schauen, was dieses Jahr so an Überraschungen kommt.
Zum Beispiel dass die Parteienfinanzierung nach den letzten Wahldebakeln von 165 auf 190 Millionen Euro erhöht wurde, nur eine Woche nachdem der Gesetzesentwurf eingebracht wurde. Andere Sachen gehen komischerweise nicht so flott. Die Meldung, dass der Arbeitgeberanteil des Krankenkassenbeitragssatzes wieder die Hälfte ist und die Bürger entlastet werden, wurde ja gefeiert wie die Mondlandung. Dass Jens Spahn sich mal wieder ordentlich verplappert hat und die Beiträge der Pflegeversicherung ordentlich steigen sollen, wurde fix wieder unter den Teppich gekehrt. Das würde die obige Entlastung nämlich gleich wieder auffressen. Und anstatt das Ganze mal wieder einfach abzuwälzen, könnte man sich bitte endlich mal Gedanken machen, wie die Pflege der Zukunft aussieht und diese reformieren, aber das werde ich wohl nicht mehr erleben. Wenn Pflegekräfte normal arbeiten würden (alle Pausen machen, keine Überstunden, keine spontanen Einsätze) müssten Stationen in Krankenhäusern jeden Monat einige Tage schließen. 80.000 Pflegekräfte fehlen neuen Schätzungen zufolge. Der Zivildienst hat 50 Jahre für etwas mehr Menschlichkeit und Entlastung bei den Festangestellten gesorgt. Außerdem bekommen die Kids die nötige Empathie mit auf den Lebensweg. Wie sehr diese nämlich heute fehlt, lässt sich Tag für Tag mehr beobachten. Das war ein riesiger Schuss in den Ofen, der sich in den nächsten Jahrzehnten wohl nicht mehr ausbügeln lässt.
Unser Klimaziel haben wir auch massiv verkackt, erreicht wurden nämlich nur 45% (Schweden an der Spitze mit 77%, Polen als Schlusslicht mit 16%) und stattdessen erlässt man Gesetze, dass man zum Beispiel in Hamburg 580 Meter einer Straße nicht mehr mit Diesel-Fahrzeugen der Klasse Euro 5 befahren darf, mit der gleichen Möhre 2,7km Umweg fahren und an 8 Ampeln halten soll. So schont man nach der Logik der Behörden die Umwelt, obwohl weder Kontrollen möglich sind und es gar keine Euro 6 Plaketten gibt, während nebenan 300-Meter Schiffe mehr Abgase in die Luft pusten als Millionen (!) Autos. Logik ist aber ganz schön 80er, daher fragen wir uns auch nicht, warum die USA inmitten aller Strafzölle auch noch den UN Menschenrechtsrat verlassen und Trump eine Weltraumarmee aufbauen will. Echt alle bekloppt hier.

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