Graspop 2017

Das wurde aber auch Zeit. 2015 und 2016 musste man für Open Air Festivals ja noch mindestens das Schwimmabzeichen in Gold haben, resistent gegen Kuhdung im Mund sein und die Wadenmuskeln von Superman haben, da man immer 78 Kilo Schlamm an den Stiefeln mit umher schleppen musste, während man beim voran kämpfen die Spitzengeschwindigkeit einer Schnecke erreichte. Soll 2017 etwa anders werden? Es sollte.
Zumindest beim Graspop in Belgien. Während das Wetter nämlich in der darauffolgenden Woche beim Hurricane, With Full Force oder dem gigantischen Guns´n Roses Konzert in Hannover bekloppte Purzelbäume schlug, gab es beim riesigen Festival im Belgischen Dessel Wetter vom Allerfeinsten. Tagelang 25 Grad und leicht bewölkt und als Sahnehäubchen 30 Grad und Sonnenbrand satt am letzten Programmtag. Nachdem die Massen, welche aus ganz Europa herbei geströmt sind, am Donnerstag von kleineren Bands eingegroovt wurden, stand der Freitag ganz im Zeichen einer Band aus Berlin. So pilgerten einige tausend nur für Rammstein vor die Bühnen, um am Abend Texte zu singen, die sie nicht verstehen, aber wirklich jedes kleine Kind auf die Reihe bekommt. Was die 6 Berliner dann ablieferten, war wieder das allerfeinste, was zur Zeit auf Bühnen geboten werden kann. Die Fans in den ersten Reihen wurden fein mit Feuersalven gegrillt, überall hat´s ständig gebumst und mit Special Effects wurde alles gemacht, aber nicht gespart. Das Publikum eskalierte auf dem gesamten Gelände und feierte eine Show, die heute sicher das fetteste auf dem Planeten ist.
Wer es dann in den folgenden Tagen erdiger mochte, bekam von Deep Purple und den Scorpions (beide auf ihren Abschiedstouren, letztere geht wohl noch 30 Jahre) nicht weniger begeisternde Shows, wenn eben auch ohne großes Brimborium. Beide Bands hatten einen sehr guten Tag und zeigten, dass man auch im gehobenen Alter ein ganz schönes Brett abliefern kann.

Auf den Hauptbühnen wären da zum Beispiel Steel Panther mit der üblichen Boobie Show, Alter Bridge, Europe, Danko Jones, Airbourne und Black Star Riders mit knackigem Rock, Evanescence ließen die Mädels in alten Zeiten schwelgen und die etwas angemoppsten Cavalera Brüder ließen Sepultura´s Roots hochleben, währen die „aktuellen“ Sepultura mir einen Tag vorher deutlich besser gefielen. Dee Snider konnte auch ohne Twisted Sister, aber auch mit deren Songs überzeugen, Emperor spielten das herausragende „Anthems to the Welkin at Dusk“ Album und Mastodon wie auch Gojira frickelten delikate Shows ins Publikum. Sabaton und ihr Panzermetal sind sicher Geschmackssache, füllen aber verlässlich das Gelände und Five Finger Death Punch standen mit Ersatzsänger auf der Bühne, nachdem sich der eigentliche Shouter mal wieder selber in die Entzugsklinik befördert hat. Geträllert wurde bei Epica und Rhapsody, ordentlich kloppen konnte man sich wiederum bei Hatebreed, A Day to Remember und Comeback Kid. Auch Rob Zombie und In Flames machten den Sack zu.
Highlights im riesigen Marquee Zelt: Die immer wahnsinnig guten Opeth, bei denen es knackig voll wurde, Anathema, wenn das Set auch zu viele neue Songs beinhaltete, die abgefahrenen Primus waren auch an Bord und Ministry hatten einen guten Tag und zerlegten wie auch Amenra einfach alles. Den Wohlfühlmoment gab´s dann bei meinem Lieblingsact The Devin Townsend Project, bei denen sich das Zelt merklich füllte. Highlights unter den Bands des etwas kleineren Metal Dome Zeltes: Die wahnsinnigen The Dillinger Escape Plan und die wundervollen Alcest. Coheed and Cambria, Baroness, Monster Magnet und Helmet überzeugten mega und endlich konnte ich auch mal King´s X und Psychotic Waltz sehen. Clutch, Grave Digger, Queensryche und The Dead Daisies rundeten dann das Zeltprogramm ab. Als die Suicidal Tendencies auf der kleinen Jupiler Stage gespielt haben, passte nicht ein Bierbecher mehr auf´s Gelände. Flankiert wurde man zudem von Bands wie Of Mice and Men, Sum41 (ebenso überfüllt), Suicide Silence, Born from Pain und zahlreichen anderen.
Dank der großen Sicherheitsvorkehrungen und der wirklich extrem guten und friedlichen Stimmung auf dem Festival kam nicht ein Moment der Unsicherheit durch, die einem von diversen Medienkanälen vorgegaukelt wird, um Schlagzeilen zu machen. Ganz im Gegenteil. Man merkt die „Jetzt erst recht“-Stimmung und das ganze Graspop war ein einziges Wohlfühlen mit Halligalli Festival, wo man auch mal Riesenrad und Autoscooter fahren kann. Terror und Idioten den Stinkefinger zeigen, das ist das einzig probate Mittel heutzutage. Auch wie immer zu erwähnen, die locker-lässige Art des gesamten Personals, was man aber von Benelux Festivals seit den ersten Dynamo Open Airs stets gewohnt ist.
Absolut fettes Open Air, was lediglich weiterhin bei den Essens- und Getränkepreisen ´ne Spur zu teuer ist und Minuspunkte einfährt. Hier sollte man vor der ersten Überraschung das Gelände erkunden und halbwegs preisfaires Essen suchen. Ebenso der zusammengepferchte Zeltplatz, von dem man gut und gerne einen zweiten benötigt und im Schulturnen ziemlich gut gewesen sein sollte, wenn man sein Zelt unfallfrei erreichen möchte. Aber das sind nur kleine Schönheitsfehler eines ansonsten extrem fetten Festivals, welches auch 2017 über alle 3 Tage satte 155.000 Gäste auf dem Acker hatte und dank dieser einen Band aus Berlin am Freitag sogar für einen Tag ausverkauft war. Bis 2018, Graspop!  

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